Den Menschen eine Stimme geben


„Unser Ziel ist es, Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt, misshandelt und umgebracht wurden, eine Stimme zu geben. Deshalb steht diese Veranstaltung unter dem Motto: Gegen das Vergessen“, sagte Haigers Bürgermeister Mario Schramm zum Auftakt der Gedenkveranstaltung am 27. Januar (Holocaust-Gedenktag) in der Stadtbücherei. Rund 40 Interessierte waren zur Vorstellung des Buches „Gegen das Vergessen“ gekommen, in dem an jüdische Familien, Euthanasie-Opfer, Zwangsarbeiter, Sinti sowie politisch und religiös verfolgte Haigerer erinnert wird.

„Alle diese Betroffenen waren Menschen, die in Haiger ihre Heimat hatten, Menschen, die hier lebten und in unserer Stadt verwurzelt waren“, sagte Schramm. Es gehe an diesem Abend und in dem neuen Buch um „Erinnerungskultur“. Diese müsse weiter gelebt werden – deshalb sei auch das Druckwerk entstanden. Schramm dankte im Namen des Magistrats den Autoren Susanne Menges (Stadtarchiv) und Andreas Rompf (Kulturamt) sowie den Unterstützern Joachim Moos (Langenaubach), Horst und Stefan Pulverich (Fellerdilln), Helmut Wengenroth (Flammersbach), Renate Steinseifer (Haiger), der Johann-Textor-Schule (Frau Stettner) sowie Lea Siebelist (Kulturamt).

In dem Buch werde an über 80 Menschen aus der Stadt erinnert – mit Geburts- und Sterbedaten und deren Biografie. „Es wird aufgezeigt, wie Menschen aus unterschiedlichen Gründen Leid zugefügt wurde – unser Ziel ist es, dass diese Menschen nicht vergessen werden“, erklärte der Bürgermeister und schloss mit einem Satz der 2025 verstorbenen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer: „Schaut nicht auf das, was Euch trennt, schaut auf das, was Euch verbindet. Seid Menschen!“

Auch Stadtverordnetenvorsteher Bernd Seipel dankte den Autoren des Buches. „Sie haben wertvolle, anschauliche Hilfe zum Erinnern vorgelegt. In mühevoller Recherche wurde Schicksalen von Menschen nachgegangen und Hinweise auf deren Leben, Leiden und Sterben zusammengetragen.“ Es gehe um Menschen aus „unserer Stadt“, Nachbarinnen und Nachbarn, die aufgrund von Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder anderen Einschränkungen nicht in das Bild des damaligen Regimes passten und als lebensunwert stigmatisiert wurden“.

„Vielfalt und Würde müssen ihren Platz behalten“

„Wir dürfen sie und ihre Schicksale nicht vergessen; ihre Namen müssen genannt und an ihre Leiden muss erinnert werden“, mahnte Seipel. Es gelte, wachsam zu sein gegen Ausgrenzung und Macht-Missbrauch. „Vielfalt und menschliche Würde müssen ihren Platz behalten.“ Abschließend berichtete der Parlamentspräsident von einer Begegnung mit dem Fahrer eines „roten Busses“. Mit diesen Bussen werden Menschen mit Beeinträchtigungen aus der Region morgens zur „Lebenshilfe“ nach Dillenburg oder in andere Fördereinrichtungen gebracht, um dort im Tagesverlauf betreut zu werden. Diese lobenswerte Praxis stehe in krassem Gegensatz zu den sogenannten „grauen Bussen“, die in der Zeit des NS-Regimes Menschen in die Tötungsanstalten – zum Beispiel nach Hadamar – transportiert hätten.

Kulturamtsleiter Andreas Rompf las die Lebens- und Leidensgeschichten unterschiedlicher Opfer vor, während Susanne Menges berichtete, wie die Recherche für das Buch abgelaufen war. Dabei habe sie zum Beispiel eng mit dem Standesamt, dem „Arolsen Archive“ und der Gedenkstätte Hadamar kooperiert. Weitere Erkenntnisse vor allem im Zusammenhang mit den rund 1500 Zwangsarbeitern im Raum Haiger habe das Archiv der AOK beigetragen – „weil in Deutschland alles geregelt sein musste, waren die Zwangsarbeiter natürlich sozialversichert“.

Neugierig geworden sei sie durch „seltsame Sterbe-Orte“, die in den Geburtsregistern verzeichnet waren. „Wenn dort zum Beispiel Nordhausen vermerkt war, konnte man davon ausgehen, dass die Person im KZ Mauthausen ums Leben gekommen ist“, berichtete Susanne Menges. Das Buch sei nur ein Anfang – wer noch weitere persönliche Geschichten und Schicksale beitragen wolle, könne sich gerne im Stadtarchiv melden.

Einige Beispiele aus dem Buch „Gegen das Vergessen“, das für acht Euro über die Haigerer Touristinfo im Stadthaus bezogen werden kann.

Oskar Willi Klein, Flammersbach: Oskar Klein wurde 1905 geboren und kam 1938 aus ungeklärten Gründen ins KZ Buchenwald. Er hatte die Häftlingsnummer 5713 und verstarb am 5. September 1938. Die SS vermerkte die Begriffe „arbeitsscheu“ und „Jude“ in seiner Akte. Als Todesursache wurde notiert: „Im Revier verstorben.“ Dabei handelte es sich um eine zynische Umschreibung von Misshandlung, Krankheit, Mangelernährung oder Tötung.

Karl Nikodemus, Haiger: Er wurde am 19. September 1929 geboren und lebte in einem ausrangierten Eisenbahn-Waggon auf der Haigerhütte. Sein Vater war in Haiger als „Orgel-Gustav“ bekannt. Seine Mutter war zwangssterilisiert worden. Karl galt als lebhafter, liebenswerter Junge und starb viel zu früh. 1940 wurde seine Kindheit jäh beendet, als er beim Fußballspielen von zwei uniformierten Vertretern der Staatsgewalt mitgenommen wurde. Die Jungs spielten einfach weiter Fußball und ahnten nicht, dass sie Karl nie mehr sehen würden. Er kam zunächst nach Idstein und später in eine sogenannte Kinder-Fachabteilung, in der Kinder durch Vernachlässigung oder die Verabreichung falscher Medikamente umgebracht wurden. Als Todesursache wurde 1941 (genauer Termin unbekannt) angegeben: „Schwachsinn und Rippenfell-Entzündung“.

Hertha Müll, Allendorf: Die am 18. September 1909 geborene Hertha kam 1941 in die Landesheilanstalt in Herborn und wurde dann mit einem der berüchtigten „grauen Busse“ in die Tötungsanstalt in Hadamar gebracht. Dort starb sie als eines der ersten Opfer in der dortigen Gaskammer.

Barbara Georg, Allendorf: Sie wurde am 4. Dezember 1939 im „Backes“ der Gemeinde geboren. Barbara gehörte zu den Sinti. Sie war erst drei Jahre alt, als sie 1943 mit ihren Eltern Lina und Rudolf ins KZ Auschwitz gebracht wurde. Im „Familien-Zigeunerlager“, in dem viele Menschen an Epidemien und Hunger starben, kamen auch Barbara und ihre Eltern ums Leben. Als Sterbedatum wurde der 31. Dezember 1945 vermerkt – dieses Datum stimmt aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht.

Arnold Daub, Fellerdilln: Arnold Daub gehörte zu den „Ernsten Bibelforschern“ (heute „Zeugen Jehovas“) und wurde am 19.11.1896 in Steinbach geboren. Bereits 1935 wurde er für vier Wochen in Untersuchungshaft genommen. Er weigerte sich, die Ideen der Nazis anzunehmen und verteidigte seinen Glauben. Der NSDAP-Ortsgruppenführer ließ ihn daraufhin mit einem Schild auf der Brust durchs Dorf laufen. Aufschrift: „Ich bin ein Verräter!“

Iwan Batailocha, Sowjetunion: Iwan wurde 1923 in Neusewo geboren und starb am 22. Februar 1945 im Dillenburger Krankenhaus. Er war Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter und starb, nachdem er im Februar 1945 bei einem Bombenangriff auf Haiger schwer verwundet worden war. Vorher hatte er im Rabenscheider Tunnel im „Holzwerk Rabe“ gearbeitet. Sein Grab liegt auf dem Dillenburger Friedhof. Laut Susanne Menges gab es in Haiger und den heutigen Stadtteilen rund 1500 Zwangsarbeiter, die in Firmen, auf Bauernhöfen oder in Familien arbeiten mussten. Die Daten der Zwangsarbeiter, die teilweise sogar „Familienanschluss“ hatten, sind relativ leicht zu rekonstruieren, da sie in AOK-Akten auftauchen, die in den „Arolsen archives“ online recherchierbar sind.

Stolpersteine erinnern
an jüdische Opfer

Andreas Rompf erinnerte abschließend noch einmal an die Haigerer Stolpersteine, die zum Gedenken an die jüdische Bevölkerung 2020 verlegt worden waren. „Juden waren ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft, bis ihnen die NS-Diktatur das Recht auf eine menschliche Existenz entzog.“ Manche hätten die Stadt verlassen, andere seien geblieben und letztlich im Ghetto oder in Vernichtungslagern gestorben. Daran sollten die Stolpersteine erinnern. 

Nach der gelungenen Veranstaltung nutzten die Besucher noch die Gelegenheit, sich über das Gehörte auszutauschen. Foto: Triesch/Stadt Haiger