So schlecht das von Hagelschauern geprägte Wetter war, so positiv war die Nachricht, die Bürgermeister Mario Schramm verkünden konnte: „Wir geben heute den Startschuss für das größte und kostenintensivste Bauvorhaben der Stadt Haiger in den letzten Jahrzehnten“, begrüßte der Rathaus-Chef zahlreiche Gäste zum Spatenstich für die neue Haigerer Kläranlage. Vertreter aus Politik, Verwaltung, Behörden, Planungsbüros und Baufirmen waren dabei, als symbolisch die ersten Schaufeln Sand befördert wurden. Im Hintergrund hatten die Bagger bereits eine enorme Grube für den Neubau ausgeschachtet.
Bürgermeister Schramm freute sich, dass neben Stadtverordnetenvorsteher Bernd Seipel, dem Burbacher Bürgermeister Jonas Becker, den Stadträten Helmut Schneider, Dr. Andreas Steiner und Dr. Dennis Stremmel und zahlreichen Stadtverordneten auch Vertreter der Genehmigungsbehörde (RP Gießen, Daniela Hildebrand und Dr. Sebastian Schmidt) sowie Vertreter des Planungsbüros und der ausführenden Firmen und die verantwortlichen Mitarbeiter aus dem Rathaus gekommen waren.
Seit 1978 wurde über die erste Haigerer Kläranlage gesprochen
„Kläranlagen bilden bei einer Kommune grundsätzlich einen ganz wichtigen Part in der Daseinsvorsorge und des Umweltschutzes, aber im täglichen Geschäft wird eher über Stadthallen, Dorfgemeinschaftshäuser, Feuerwehrhäuser oder Straßenbau diskutiert und beraten, bevor man sich mit Schmutzwassermengen, dem verschmutzten Niederschlagswasser, Einwohnergleichwerten und Förderbelastungen in einem Regenüberlaufbecken auseinandersetzt“, sagte der Bürgermeister und erinnerte daran, dass bereits seit Oktober 1978 in Haiger über Kläranlagen nachgedacht werde: „Es handelte sich schon damals um ein ganz wichtiges Thema, auch weil es nicht nur Haiger und die meisten Stadtteile betrifft, sondern auch große Teile der Nachbarkommune Burbach.“ Bis heute beteilige sich Burbach an den Kosten der Bauwerke und des Betriebes.
Der Bau der 1983 fertiggestellten Kläranlage habe seinerzeit rund zehn Millionen Mark gekostet. Ab dem Jahr 2000 habe es immer mehr kleinere Reparaturen und technische Ersatzbeschaffungen gegeben, ehe 2018 der Planungsauftrag an das Büro „Kocks Consult“ aus Koblenz zur Variantenplanung für den Umbau- und die Erweiterung der Kläranlage vergeben worden sei.
Diese Pläne wurden 2019 vorgestellt und beraten, das Parlament entschied sich für eine Kläranlage mit simultaner aerober Schlammstabilisierung. Diese Ausführungsvariante wurde im Juni 2019 vom Hessischen Umweltministerium gestoppt, das eine Überarbeitung der Planung verlangte. Am 11. November 2020 beschloss die Stadtverordnetenversammlung nach erneuten intensiven Beratungen die anaerobe Verfahrensweise mit Faulturm für den Klärschlamm. „Das Genehmigungsverfahren startete neu, Förderanträge bei Land und Bund wurden gestellt“, blickte Schramm zurück und lobte in diesem Zusammenhang den Verantwortlichen für die Kläranlage, Thomas Heinbach. Dieser habe sich in den vergangenen Jahren und vor allem in den letzten Wochen und Monaten - nachdem der Magistrat im Oktober 2025 einen Auftrag über die unvorstellbare Summe von 15 Millionen vergeben hatte - aufopfernd und intensiv darum gekümmert hat, dass die Arbeiten im Januar beginnen konnten.
Ziel: Abwasser ordnungsgemäß und sauber in die Dill einleiten
Ein Top-Team der Kläranlage mit sechs Beschäftigten sorge gemeinsam mit Heinbach dafür, dass das Abwasser ordnungsgemäß und sauber in die Dill eingeleitet werde und nun ein Projekt mit rund 30 Millionen Euro Baukosten (davon rund 5,5 Mio. € Zuschüsse von Bund und Land) starten könne.
„Nach den vielen Planungen, Genehmigungsschritten, dem Erhalt von Förderbescheiden geht es jetzt los“, berichtete der Rathaus-Chef: „Es handelt sich um eines der größten und kostenintensivsten, aber auch für alle - Bürgerschaft, Unternehmen und die Nachbarkommune Burbach - wichtiges Bauprojekt der Stadt Haiger. Ich persönlich bin sehr stolz, hier und heute beim Spatenstich gemeinsam mit Ihnen allen das ‚Go‘ für dieses Projekt geben zu können.“ Er wünschte dem Vorhaben und allen Beteiligten alles Gute und einen guten und sicheren Verlauf, fristgerechte Fertigstellung und Einhaltung der geschätzten Baukosten.
„Heute ist ein besonderer Tag für die Stadt Haiger und für die Gemeinde Burbach“, sagte Dr. Weimin Shen von der Kocks Consult GmbH (Generalplaner und Bauüberwacher) aus Koblenz. Die bestehende Anlage habe über 45 Jahre zuverlässig ihren Dienst geleistet und die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Gleichzeitig sei klar geworden, dass die Anforderungen an moderne Abwasserbehandlung gestiegen sind – im Hinblick auf den Gewässerschutz sowie auf Energieeffizienz und Klimaschutz. „Mit dem Spatenstich beginnt ein Projekt, das diese Herausforderungen aufgreift und zukunftsweisend umsetzt“, sagte Dr. Shen.
Im Rahmen des Umbaus und der Erweiterung entstehen zentrale neue Anlagenteile: ein zweistraßiges Vorklärbecken mit Primärschlammpumpwerk, ein neues zweistraßiges Belebungsbecken sowie der Umbau des bestehenden Beckens zu einem vierstraßigen Nachklärbecken. „Ein besonderer Meilenstein ist zudem der Neubau eines Faulbehälters mit Biogasaufbereitung und -verwertung, ergänzt durch einen Gasspeicher und ein Blockheizkraftwerk, mit dessen Hilfe sowohl Wärme als auch Strom erzeugt werden kann“, berichtete Dr. Shen. Diese Maßnahmen verfolgten klare und nachhaltige Ziele: Die gezielte Eliminierung von Stickstoff und Phosphor trage wesentlich dazu bei, die Anforderungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie zu erfüllen und die Gewässer langfristig zu schützen.
„Wir investieren in den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.“
„Wir investieren damit nicht nur in moderne Infrastruktur, sondern zugleich in den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.“ Durch die Umstellung auf eine anaerobe Schlammstabilisierung und die Nutzung des entstehenden Faulgases zur Eigenenergieerzeugung könne künftig ein erheblicher Teil des Energiebedarfs der Anlage selbst gedeckt werden. Ziel sei eine Eigenenergiequote für Strom und Wärme von mindestens 70 Prozent.
„Ein solches Projekt erfordert nicht nur technisches Know-how, sondern auch eine solide finanzielle Grundlage. Umso erfreulicher ist es, dass im Jahr 2025 der Förderantrag für die Maßnahme mit einem Förderbetrag von bis zu 2,446 Millionen Euro genehmigt wurde“, sagte Dr. Shen. „Darüber hinaus wird für Maßnahmen zur Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie, die im Zusammenhang mit der Verbesserung der Abwassereinleitung stehen, eine weitere Zuwendung von bis zu 3,039 Millionen Euro erwartet.“
Eine Bauzeit von 36 Monaten wird erwartet
Die Bauzeit beträgt rund 36 Monate – und das bei laufendem Betrieb der Kläranlage. Um die Reinigungsleistung jederzeit sicherzustellen, wird das Vorhaben in zwei Bauphasen umgesetzt, begleitet von einem schrittweisen Umschluss der Anlagenteile.
Dr. Shen dankte allen, die an der Vorbereitung und Planung dieses Projekts beteiligt waren, sowie den ausführenden Unternehmen, die nun in die Umsetzung gehen. Genannt wurden dabei die Arbeitsgemeinschaft Mogendorf + Schmitz GmbH & Co. KG und Reuscher Tiefbau GmbH für die Bautechnik, die wks Technik GmbH für die Maschinentechnik sowie die ReAuTec GmbH. „Der heutige Spatenstich ist weit mehr als ein symbolischer Akt: Er markiert den Beginn einer modernen, zukunftsorientierten und nachhaltigen Infrastruktur, deren Wirkung weit über den heutigen Tag hinausreichen wird“, schloss Dr. Shen und wünschte dem Projekt einen reibungslosen und erfolgreichen Verlauf, einen unfallfreien Bau sowie weiterhin eine gute, vertrauensvolle und partnerschaftliche Zusammenarbeit.
