„Wir lassen uns in kein Korsett zwingen“


„Wofür willst Du denn Abitur machen? Du heiratest doch sowieso.“ Sprüche wie dieser sind vielen Frauen im Gedächtnis und haben gar manche vielversprechende berufliche Karriere im Keim erstickt. Jutta Seifert machte in ihrer „Angebissen“-Collage aus Texten und Liedern deutlich, dass die Zeiten sich für die Frauen ins Positive gewandelt haben, aber immer noch jede Menge Luft nach oben ist. Was nicht zuletzt der „Gender Pay Gap“ beweist – die Tatsache, dass Frauen in Deutschland 2025 durchschnittlich 16 Prozent weniger verdienten als Männer. Dieser Fakt – vorgetragen kurz vor Schluss der rasend-schnellen Revue in der Langenaubacher Kulturkapelle – gab dem Stück seinen Namen. Der angebissene Apfel symbolisiert, dass noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist, bis die Gleichberechtigung nicht mehr nur erstrebenswertes Ziel, sondern selbstverständlich ist.  

Kulturamtsleiter Andreas Rompf begrüßte die Gäste zu dieser Veranstaltung anlässlich des Weltfrauentages, einer Revue, die die Zuhörerinnen und Zuhörer – auch einige Männer hatten sich in die Kapelle gewagt – mit auf eine Zeitreise durch 100 Jahre Frauengeschichte nahm.

Die Schauspielerin aus Warburg legte in wechselnder Garderobe ein Tempo vor, das den Gästen einiges abverlangte. Schauspielerische Miniaturen und poetische Wortkunst wurden in ihrem Ein-Frau-Stück abgefeuert – mal waren die Programmteile zum Schmunzeln, mal wurde laut gelacht, ganz oft aber blieb den Besuchern das Lachen im Halse stecken. Witz und Tiefgang müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.

Texte von Djuna Barnes bis Lisa Fitz wurden ebenso passend in die energiegeladene Revue eingebaut wie Lieder von Kon-stantin Wecker, Pe Werner oder Juliane Werding sowie die als Rap vorgetragene „Liebhaber-Typologie“.

Trümmerfrauen, Petticoat, Hullahoop und die „Brigitte“

„Wir lassen uns in kein Korsett zwingen“, postulierte die Schauspielerin schon zu Beginn des Abends und erinnerte anschließend – wie in einer Art „Zeitleiste“ – an Höhe- und Tiefpunkte der Frauengeschichte. Wie in der Nazizeit aus dem Frauentag ein Muttertag wurde; wie „Mütterkreuze“ nach „Gebärleistung“ vergeben wurden; wie die Trümmerfrauen erst ihr Land aufbauten und dann den Petticoat und den Hullahoop-Reifen entdeckten; wie die Flower-Power-Zeit den Damen bunte Klamotten und bunte Gedanken bescherte.

Vermeiden Sie Lärm – schalten Sie den Staubsauger aus, wenn Ihr Mann nach Hause kommt!

Und natürlich, wie das Wirtschaftswunder ihnen moderne (?) Frauenzeitschriften wie „Brigitte“ mit scheinbar bahnbrechenden Tipps brachte. Beispiele: Vermeiden Sie Lärm – schalten Sie den Staubsauger aus, wenn Ihr Mann nach Hause kommt! Beklagen Sie sich nicht!  Seien Sie fröhlich! Achten Sie auf eine leise und freundliche Stimme! Halten Sie ein Getränk bereit!

Fazit: „Eine gute Ehefrau weiß stets, wo ihr Platz ist.“ Oder, anders ausgedrückt: „Eine Frau gehört am (!) Kochtopf und darf nicht wählen!“

Dieser Spruch ist gerade mal 60 Jahre her und rief Kämpferinnen wie Alice Schwarzer auf den Plan: „So geht es nicht, wir sind auch Menschen!“ Was Jutta Seifert unterstreicht – sie konstatierte in ihrer Revue, dass nach vielen Kämpfen „so manches erreicht wurde“, dass zum Beispiel Frauen mittlerweile Abitur machen und ihren eigenen beruflichen Weg gehen. Auch wenn dieser in der „Generation Praktikum“ manchmal recht kurvig sein kann.

Gleichzeitig aber, man denke an „Equal pay“ (gleiche Bezahlung), bleiben Baustellen, die es noch zu beackern gilt. „Wenn ich allen gefallen wollte, wäre ich ein Blumenstrauß…“ – sagt Jutta Seifert und verspricht, sich auch weiterhin für die Frauenrechte einzusetzen. Auf dass zum Beispiel das aus dem Apfel herausgebissene Stück immer kleiner werde…