Essen ist immer mit Erinnerungen verknüpft. Alte Familienrezepte sind deshalb nicht nur Anleitungen, sondern lebendig: Die Gerichte schmecken nach Heimat, sie erzählen Geschichten von früher – vom gemeinsamen Essen nach einem langen Arbeitstag, vom Besuch beim Backes oder dem Warten auf den stockenden Eierkäs. Die neue Sonderausstellung im Haigerer Stadtmuseum am Marktplatz macht genau diese Geschichte der Esskultur sichtbar: Bis zum 31. August ist eine Besichtigung möglich. Susanne Menges, die Leiterin des Stadtmuseums, die die Ausstellung erarbeitet hat, freut sich stets über weitere Beiträge zu ihren Recherchen.
Die Idee zur Ausstellung entstand während ihrer Nachforschungen zum Matzkuchen-Rezept oder, wie es bei ihrer Oma in Fellerdilln genannt wird, „Knatschkuchen“. Im Gespräch mit zwei Rodenbacher Frauen kam schnell heraus, dass hier deutliche Unstimmigkeiten bezüglich der „richtigen“ Zubereitung des beliebten Gerichts bestanden. „Da habe ich mir gedacht: Oh, das hier ist spannend!“, sagte Susanne Menges, Leiterin des Stadtmuseums. Sie ging den Fragen nach, wie sich die verschiedenen Gerichte entwickelt haben. Die Kartoffel wurde beispielsweise erst nach 1700 zur Grundzutat von vielen Mahlzeiten. Ergänzt werden die Ausarbeitungen von einigen Objekten aus der damaligen Zeit: eine gusseiserne Kuchenform, eine Eierkäs-Form, Blechgeschirr oder ein Naujoarn-Eisen.
Viele dieser Geräte waren über Jahrzehnte im Einsatz und gehörten selbstverständlich zum Alltag. Bei ihren Recherchearbeiten stellte sich schnell heraus, dass ein erhöhtes Interesse an einem Rezeptbuch besteht, das solche alten Familienrezepte bündelt und zugänglich macht. „Denn Rezepte leben weiter – solange sie gekocht, geteilt und erzählt werden. Aus diesem Grund möchten wir spätestens zum Jahresende ein Rezeptebuch veröffentlichen”, freut sich Menges. Wer also noch Familien-Rezepte oder besondere Traditionen, die damit verbunden sind, beitragen möchte, der kann sich gerne an Susanne Menges (Stadtarchiv, Tel. 02773/811-141; Mail: susanne.menges@haiger.de wenden. Im Stadtmuseum liegen auch fertige Formulare aus, die mitgenommen und ausgefüllt werden können. Und wer schon einen kleinen Vorgeschmack sucht, kann sich die beiden Rezeptkarten Eierkäs und Matzkuchen aus der Sonderausstellung kostenlos mitnehmen. „Der Grundgedanke, der dahinter steckt, ist ja auch: Es wurde nichts weggeworfen. Es wurde alles gegessen, es sei denn der grüne Schimmel war an etwas dran. Sonst wurde alles gegessen”, stellt Andreas Rompf, Kulturamtsleitung, ergänzend fest.
Einmal noch nach Omas Rezept backen
Die Ausstellung bietet einen Abriss der Geschichte zum Thema „Essenskultur in Haiger“: Angefangen bei Johann-Textor, der bereits 1617 in seiner Nassauischen Chronik auch übers Essen schrieb, oder Mahlzeiten für die Arbeit auf dem Feld bis hin zu den neuen Varianten aus der heutigen Zeit. Genutzt wurde das, was in der Umgebung zu finden war: Milch, Eier, Kartoffeln, Getreide oder Fleisch von Nutztieren aus eigener Haltung. Denn viele Rezepte wurden nie aufgeschrieben, sondern von Generation zu Generation erzählt und neu ausprobiert. Irgendwann gab es zum Glück immer mal jemanden in der Familie, der sich mit Schreibblock und Stift neben den Herd gestellt hat und Schritt für Schritt die Zubereitung des Lieblingsgerichts dokumentiert hat, während Oma dies kochte. Und da musste auch das ein oder andere Mal gewogen werden, damit eben nicht nur „eine Handvoll“ oder „so viel wie es braucht“ als Mengenangabe auf dem Papier stand. Oder Beschreibungen wie „schlunziger Teig“ oder „Naujoarn backen, bis sie quietschen“ sind nicht direkt jedem klar und bedürfen einer Erklärung. Die Rezepte sind meist mehr als nur Anleitungen zum Kochen, sondern in ihnen stecken auch ganz viel Alltagsgeschichte. Bürgermeister Mario Schramm erinnerte sich bei der Besichtigung der Ausstellung schnell an den geliebten „Schwarz-Weiß-Kuchen“ seiner Großmutter – ähnlich wie die heute bekannten Marmorkuchen, nur ein gröberer Teig. Damals wurde dieser in der gusseisernen Kuchenform auf dem Feuer gebacken. Als er dann später mal zuhause den Kuchen nachbacken wollte, kam der neue Backofen leider nicht auf die Temperatur, die die Gussform braucht und deshalb glückte es nicht. Denn: andere Vorgehensweise, andere Geräte und schon schmeckt es anders. Gerne erinnerte sich der Rathaus-Chef an die Besuche zum Schmandkuchen essen bei seiner „Godi“ zurück, „die konnte den besten im Dorf“. Essen hängt immer mit Emotionen zusammen – wenn Menschen sich an alte Rezepte zurückerinnern, leben alte Geschichten wieder auf und Düfte sind plötzlich wieder präsent. Der Name der Ausstellung „Lebendige Rezepte“ ist also auch eine Frage der Perspektive: zum einen sollen diese alten Anleitungen weitergetragen werden, zum anderen ist die Ausstellung selbst nicht „still“ und die Besucher kommen ins Plaudern, schwelgen in Erinnerungen.
Öffnungszeiten Stadtmuseum: Montag und Dienstag 10 - 17 Uhr, Mittwoch geschlossen, Donnerstag und Freitag 10 - 17 Uhr, Samstag 10 - 13 Uhr, Sonntag geschlossen.
Sonderöffnung des Museums während des Blumen- und Kräutermarktes am Pfingstmontag von 14 bis 17 Uhr.
