Digitaler Stadtrundgang

Stadthistorischer Rundgang Haiger


Haiger liegt im oberen Dilltal am Ostrand des Westerwaldes in einem Becken, in dem sich drei Täler treffen: Das Dilltal, das Haigerbachtal und das Aubachtal. Haiger ist die älteste Stadt im früheren "Dillkreis" und kann auf eine mehr als 1200 jährige Geschichte zurückblicken. Leider haben verheerende Brände und Kriege dafür gesorgt, dass viele Gebäude, die davon erzählen könnten, die Zeiten nicht überdauert haben. Umso mehr ist die Phantasie gefragt sich vorzustellen, was frühere Generationen hier erlebt haben und wie die Stadt früher ausgesehen haben mag. 

Der Rundgang beschränkt sich auf die geschichtsträchtige Altstadt, die bis Anfang des 19. Jh. von einer Stadtmauer umsäumt war. 

Die Stadt Haiger bedankt sich bei allen Bürgerinnen und Bürgern, die uns ihre historischen Bilder zur Verwendung durch das Stadtarchiv eingereicht haben.

  • 1. Marktplatzbrunnen

    Er wurde anlässlich der Eröffnung der Fußgängerzone im Jahr 1986 aufgestellt. Die acht Bronzeplatten wurden von dem Bildhauer Franz O. Lipp entworfen und von der Sinner Gießerei Rincker gegossen. Der Stein kommt aus dem Diabaswerk Hirzenhain. Viel Spaß beim Betrachten und Entdecken! (siehe Abbildungen der Platten)

    Der Vorgängerbrunnen wurde nach 1827 am Marktplatz errichtet und während des 2. Weltkrieges verschrottet. Vorher gab es einen Schöpfbrunnen vor dem alten Rathaus (dort, wo heute die Rathausapotheke steht), der 1570 angelegt worden war.

    Das Wasserleitungsnetz wurden um 1900 in der Stadt gebaut. Vorher gab es die öffentlichen Brunnen oder Brunnen in den einzelnen Häusern. Seit ca. 1900 gibt es Wasserstollen am Budenberg, im Kopfstal und im Frauenbergstal und einen Hochbehälter am Donsbacher Weg. 
    1905-1912 erfolgten erste Erweiterungen.
    Seit 1921 bezieht Haiger auch Wasser aus Langenaubach.
    1959 Inbetriebnahme des Hasenstollens
    1963 Der trockene Sommer bedingte, dass die kaum fertiggestellten Anlagen in der „Hachelbach“ innerhalb von 8 Tagen (1 000 m Rohre verlegen, Kreiselpumpe montieren, 800 m Stromkabel installieren) ans Leitungsnetz angeschlossen wurden!!
    1964 Ankauf und Ausbau Grube „Constanze“

  • 2. Marktplatz

    Der Marktplatz entstand erst nach dem Großbrand von 1827, dem ein Viertel der Stadt zum Opfer fiel. Das Haus Marktplatz 3 war der erste Neubau. Der schöngestaltete Eingang vom danebenliegenden Geschäftshaus A.L. Wehr ist schon über 100 Jahre alt. Das Gebäude war früher Bäckerei und Gastwirtschaft.

    Da auch das Rathaus (es stand dort, wo sich heute die Rathaus-Apotheke befindet) durch den Brand stark in Mitleidenschaft gezogen worden und sowohl seine Überreste als auch das Grundstück verkauft worden waren, errichtete die Stadt das Rathaus (genannt Stadthaus) an dem Platz, an dem heute noch sein Nachfolgerbau steht.

    Vor dem Brand von 1827 wurden die Vieh-Märkte vor dem Obertor abgehalten. Einen Marktplatz gab es innerhalb der Stadt nicht. Die Fläche des heutigen Marktplatzes war komplett bebaut.

    Seit 1974 wird hier donnerstags nachmittags der Wochenmarkt abgehalten. Ansonsten wurden Teile des Platzes auch gerne als Parkplatz genutzt.

    Eine Umgestaltung des Platzes wurde im Rahmen der Entstehung der Fußgängerzone vorgenommen. Dabei erhielt der Platz seine Kopfstein-Pflasterung, es wurden Ruhebänke aufgestellt und eine Empore geschaffen, die bei Veranstaltungen als Bühne genutzt wird.

  • 3. Heimatmuseum (Marktplatz 2)

    Das denkmalgeschützte Gebäude ist nach dem Brand von 1723 errichtet worden. Im Rahmen der Vorbereitungen auf die 1000-Jahr-Feier 1914 wurde das Fachwerk freigelegt. So wie viele andere Häuser war es aus Brand- und Wetterschutzgründen verputzt gewesen. Zwischenzeitlich war in diesem Gebäude die Familie und die Metzgerei Fischbach zuhause. Daher kommt die Bezeichnung „Haus Fischbach“. 1978 wurde unter der Federführung von Dr. h. c. Karl Löber hier das Heimatmuseum der Stadt Haiger eingerichtet. Viele Exponate zeigen die Geschichte von Haiger und seiner Stadtteile von der Keltenzeit bis ins 20 Jh.

    Außerdem ist im Gebäude das "Museumsstübchen" untergebracht. Während der Öffnungszeiten des Ladens (Mo.- Fr. 9 -18 Uhr, Sa. 9 -13 Uhr) ist es möglich, dass Museum zu besuchen. Die Verkäuferinnen öffnen Ihnen gerne die Tür. Der Eintritt ist kostenlos. Um eine Spende wird gebeten.

  • 4. Rathaus (Marktplatz 7)

    Das heutige Rathaus wurde 1969 errichtete und 2007 saniert. Es ist das vierte in Haiger bekannte Rathaus. Der Vorgängerbau, der nach dem Band von 1827 gebaut wurde, genügte nicht mehr den Anforderungen einer modernen Verwaltung. Er befand sich an gleicher Stelle. Die beiden ersten bekannten Rathäuser befanden sich nebenan. Heute steht dort die Rathaus-Apotheke.

    Nähere Infos zu den Rathäusern: Haigerer Geschichtsblätter Band 53 (erhältlich beim Geschichtlichen Arbeitskreis Haiger und sein Raum e.V.).

    Abb. 2 und 3: Das 3. Rathaus (1827-1969) - In der zur Kirche zeigenden Seite des Gebäudes war das Pfarrhaus I untergebracht (im Bild Pfarrer Heitefuß mit seiner Familie).

  • 5. Pfarrhaus II (Frigghof 4)

    In Haiger gibt es seit der Reformation zwei Pfarrer. In diesem Gebäude wohnt bis heute der Pfarrer des Pfarramts II (Stand: November 2021). Das denkmalgeschützte Gebäude wurde, wie so viele andere auch, nach dem Brand von 1723 errichtet. Vorher standen am selben Platz drei Gebäude: die Knabenschule, das Pfarrhaus II und ein Wohnhaus.  

    Nach 1829 wurde es verputzt. Der Putz wurde 1969 wieder entfernt und das wunderschöne Fachwerk freigelegt.

    Der Pfarrgarten für den 2. Pfarrer befand sich bis 1902 vor dem Obertor. Das Grundstück wurde dann mit der Stadt getauscht. Dadurch bekam die Stadt ein Gelände, um das Krankenhaus zu bauen. Die Kirche bebaute ihr neues Grundstück mit dem „Missionshaus“, das nach 1969 zum Pfarrhaus I wurde. Das Pfarrhaus I war bis 1968 in einem Flügel des damaligen Rathausgebäudes untergebracht und befindet sich heute in der Westerwaldstraße 10.

    Der Treppenaufgang, die sogenannte Hochzeitstreppe, war früher ein steiler Weg.

     

  • 6. Alte Knabenschule (Frigghof 6)

    In Haiger ist ab 1553 eine Lateinschule (für Jungen) belegt. Ihr Standort ist jedoch unbekannt.

    Ab 1590 gab es jeweils eine deutsche Schule für Jungen und eine für Mädchen.
    Das Gebäude der ehemaligen Knabenschule wurde nach dem Brand von 1723 auf diesem Hanggrundstück errichtet. Vorher befand sich die Knabenschule in einem Gebäude auf dem Grundstück des heutigen Pfarrhauses II., wo vor dem Brand drei Gebäude (u.a. das alte Pfarrhaus) gestanden hatten.

    „Die Knabenschule stehet hinter dem 2ten Pfarrhaus, schlecht und eng an dem Kirchberg, an einem jähen Abhang und nach hinten in die Erde gesteckt und mit einem unbequemen Zugang versehen. Sie ist nach dem Brand schwach und mit Mangel an aller inneren zweckmäßigen Einrichtung (so scheints) auf diese Stelle gesetzet worden, als wenn nach gerade kein Platz für eine Schule mehr habe gefunden werden können. Jetzt ist das Gebäude sehr baufällig.“ (J. P. Schraudebach, Schulchronik von 1820, S. 15) 

    Der Lehrer der Knabenschule Johann Peter Schraudebach war ab 1790 hier beschäftigt und lebte auch in dem Gebäude. Er hat viel Wissenswertes über die Schule und über Haiger in der Schulchronik festgehalten. Während der revolutions- und napoleonischen Kriege wurde die Knabenschule als Gefängnis und Lazarett genutzt.

    In der Nacht vom 2. auf den 3. 11. 1798 entstand ein Brand im Schulgebäude durch „besoffene Gefangene“. Eröffnung der neuen Schule am 10.1.1827 (vor dem Untertor). Danach wurde das alte Gebäude versteigert. 

    Unter einem der späteren Eigentümer wurde es als „Herberge zur Heimat“ genutzt, um wandernden Gesellen eine günstige Unterkunft zu bieten.


    Abb. 1: Hier stand früher die Mädchenschule.

  • 7. Frigghof

    Der Name leitet sich von vrihof (Freihof) her. War dieser Hof eingezäunt, wurde er zum Vrithof (umfriedeter Hof), später Freithof genannt. Die Bezeichnung „Frigghof“ entstand erst in neuerer Zeit.

    Der Frigghof ist der älteste Teil der Stadt. Er war vermutlich schon zur Zeit der Theutbirg (Ersterwähnung Haigers 778 n. Chr.) bebaut. Es wird angenommen, dass sich im Frigghof die Wirtschafts- und Gesindehäuser befanden, die zum karolingischen „Königshof“ auf dem Kirchberg gehörten. Die Überbleibsel einer karolingischen Befestigungsanlage wurden 1962 beim Bau des evangelischen Gemeindehauses gefunden. In der Frigghofgasse befand sich früher ein Graben („Floss“), der vermutlich nicht ganzjährig Wasser führte. Er wurde vom Mühlgraben mit Wasser versorgt und verlief vom Frigghof aus durch die ganze Stadt, die er beim Graben- und beim Untertor wieder verließ. Er diente der Speisung des Eisweihers, zur Löschwasserentnahme und zur Wiesenbewässerung.

    Vom Standort der oberen Mühle aus, blickt man stadteinwärts in die frühere Borngasse. Linker Hand verdrängte das Ärztehaus eine giebelständige Häuserreihe aus dem 18. Jh. Neben dem ersten Haus stand bis gegen 1900 ein Laufbrunnen, dessen aus gebohrten Baumstämmen bestehende Zuleitung beim Bau des Ärztehaues zutage kam. Das erste Haus auf der rechten Seite (ein Doppelhaus) war außerhalb der Stadtmauer errichtet worden. Hier war das sogenannte Mühlentor nach dem Brand von 1723 in die Stadtmauer gebrochen worden. Es diente wie das Graben- oder Wiesentor als Notausgang. Man nannte das Mühlentor auch „Königstor“, weil sein Torschließer König hieß und in nächster Nähe sein Wohnhaus hatte (heute Frigghof 12). Diese „Not-Tore“ hatten nur den Zweck, nachts den Stadtmauerring zu schließen.

    Am ansteigenden Teil der Mühlenstraße, früher die Rodelbahn der Stadtjugend, wurden in den 1970er Jahren drei Gebäude abgerissen, um eine neue Straßenführung zu ermöglichen und Parkplätze zu schaffen. Es waren dies das Haus Theis / Weimer (ehemals unteres Brauhaus), die Scheune Schleifenbaum (ehemals oberes Brauhaus) und ein weiteres Haus Theis an der Ecke des Theutbirgwegs. Gleichzeitig verschwand der Garten der 2. Pfarrei, der von zwei Seiten mit massiver Bruchsteinmauer, zur Bahnlinie hin mit einem Lattenzaun und an seiner vierten, der südlichen Seite, mit einer Ziegelsteinmauer eingefasst war, an deren Fuß der Mühlbach floss, jederzeit erreichbar durch eine Eisengittertür. Dies war wohl die romantischste Gartenanlage Haigers.

    Bevor 1824 die Westerwaldstraße (L3044) angelegt wurde, mündete die Mühlenstraße vor der Eisenbahnbrücke in den Hickenweg, der die Verbindung nach Langenaubach, Flammersbach und den Hickengrund darstellte.


    Abb. 1: Bis auf das grüne Haus im Vordergrund wurde die Häuserzeile abgerissen, um Platz fürs Ärztehaus zu schaffen.
    Abb. 4: Hier sind im Hintergrund die drei Gebäude zu sehen, die abgerissen wurden.
    Abb. 10: Mühlenstraße Blickrichtung Theise Berg

    Abb. 1: Isaak Löwenstein
    Abb. 2: Adele Hirsch
    Abb. 3: Mirjam Hirsch
    Abb. 4: Renate Hirsch
    Abb. 5: Fritz Levi, Selma Levi mit Josef und Lotte
    Abb. 6: Berta Rosenberg 

  • 8. Obere Mühle (Müllers Mühle) heute: Mühlenstraße 13

    Die obere Mühle hatte 3 Wasserräder für 2 Mahlgänge und eine große Kreissäge

    1451    mit Endres Hen und Wolf Henn werden erstmalig die Namen von Müllern bekannt

    1479    Reiffen Hen bekommt die Mühle auf 10 Jahre verliehen, die Mühle bleibt in der Familie Reiff bis ca. 1606. Daher heißt sie auch in alten Aufzeichnungen „Reiffen-Mühle“.

    1627    unter der holsteinischen Einquartierung hat die Mühle sehr gelitten

    1767    Der Obermüller Joh. Conrad Müller baut eine neue Mühle neben die alte Mühle. Möglicherweise bestanden die beiden Mühlen kurzzeitig nebeneinander. 
                 Der Standort der alten Mühle könnte mit dem späteren Ziegelbau identisch sein.

    1932    mit Karl Heinrich Müller stirbt der letzte Müller der Obermühle

    1937    Das von Emil Kretzer aus Haigerseelbach gekaufte Gebäude wird umgebaut und als Wohnhaus genutzt.

    Zur Mühle gehörte auch immer wieder eine Ölmühle. Möglicherweise waren öfter zwei Familien gleichzeitig in der Mühle tätig.

    Weitere Betreiberfamilien waren: Andreas Schreugel (1606/1627), Thomas Stutt (1624), Johannes Müller (1673), Christoffel Clever (1680-1708), Jacob Wagner (1691), Koch (1712-26) und Müller (1727 – nach 1811)

  • 9. Theutbirgweg

    Der Theutbirgweg führte früher zum Kirchhofstor. Das war eine kleine Pforte in der Stadtmauer, die normalerweise immer geschlossen war. Sie war entstanden, als die Arbeiter der herrschaftlichen Schmelzhütte (später Minervahütte, Kabelwerk Thielmann, heute Westerwaldstraße 42-46) ein Loch in die Stadtmauer brachen, um die Menschen, die sich beim großen Stadtbrand 1723 auf den Friedhof geflüchtet hatten, retten zu können. So gesehen hatte die Stadtmauer nach 1723 eigentlich 5 Tore.

    Dieser Weg ist die einzige Möglichkeit, mit Fahrzeugen auf den Kirchberg zu gelangen, der sonst nur über Treppen zu erreichen ist.

    Wer war Theutbirg?

    Theutbirg war die Tochter von Robert I. ( + vor 764; ab 732 Graf im Worms- und Oberrheingau; ab 741/42 königlicher Pfalzgraf und 757 königlicher Missus in Italien. Er war eine bedeutende Stütze König Pippins des Jüngeren, dem Vater Karls des Großen) und Williswinda (Mitbegründerin des Klosters Lorsch) und verheiratet mit Konrad, Graf im Lahngau.

    Sie muss begütert gewesen sein, sonst hätte sie nicht ihre Besitzungen u. a. in „Haigrahe“ dem Kloster Lorsch a.d. Bergstraße schenken können.

    Diese Schenkung ist die schriftliche Ersterwähnung Haigers im Jahr 778 n. Chr. 

    Die Originalurkunde ist nicht mehr vorhanden. Es existiert jedoch eine Abschrift. Das Kloster Lorsch war 764 von ihrer Mutter Williswinda und ihrem Bruder Cancor gegründet worden. Theutbirg tritt als Witwe in das Kloster ein. 781 wird die Schenkung schriftlich erneuert.

  • 10. Evangelische Kirche

    Die Kirche ist eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Gegend.

    Es ist wahrscheinlich, dass ihr Ursprung auf der Überbauung eines vorchristlichen Heiligtums beruht.1977 wurde bei Restaurierungsarbeiten unter dem Fußboden der Sakristei ein flachrunder, vom Wasser geschliffener Findling von gewaltiger Größe und einer damals nicht bestimmten Gesteinsart gefunden. Man hat festgestellt, dass der Turm der älteste, wahrscheinlich im Mauerwerk nicht veränderte Teil der Kirche ist und die ursprüngliche Kirche in einer Holzkonstruktion mit massiven Außenmauern angebaut war. Aufgrund der ungewöhnlichen Form der Eingangstür datiert man den Turm in die karolingische Zeit um 800 n. Chr. Er hat wohl zuerst als Wehr- und Fluchtturm gedient, worauf heute noch die Schießscharten (Lichtschlitze) hinweisen.

    In der Schenkungsurkunde aus dem Jahr 914 von König Conrad wird eine „ecclesia baptismalis“, eine Taufkirche in Haiger erwähnt. Sie besaß Grundbesitz und Steuereinnahmen und war Hauptkirche eines großen Sprengels. Man kann deshalb davon ausgehen, dass die Kirche schon in der 1. Hälfte des 8. Jh. gegründet wurde und am selben Platz wie heute stand. 

    1048 Einweihung der Kirche im romanischen Stil, Erhöhung des Turmes, Hinweis auf romanische Fensteröffnungen.

    Um 1460 – 1500 Anbau der Seitenschiffe und des Chorraums im spätgotischen Stil, Entstehung der Gewölbedecke, Ausmalung der Kirche mit den Fresken im Auftrag von Hermann und Jost von Haiger. Sie sind vermutlich auf den Fresken abgebildet, ihr Wappen (gelbe Seerosen auf rotem Grund) ist zweimal in der Kirche zu finden.

    1537 wird in Haiger die Heilige Messe abgeschafft und die Kirche lutherisch. Der Marienaltar wird entfernt.
    Die Fresken werden übermalt. Das geschieht vermutlich um 1588, nachdem der reformierte Glaube 1578 eingeführt wurde. Nach der Übermalung geraten sie in Vergessenheit.

    1723 beim Brand wird die Kirche stark in Mitleidenschaft gezogen. Kanzel und Orgel werden im Barockstil erneuert. Zunächst war die Orgel hinter der Kanzel im Altarraum, der Blasebalg wurde vom Raum über der Sakristei aus bedient. Im Zuge der Industrialisierung wurden die Emporen mit ihren gusseisernen Säulen eingebaut.

    Um 1900 erhält die Kirche eine Heizung, die Krypta wird als Kohlenlager genutzt. Deswegen wurden die dort ruhenden Gebeine umgebettet und die Papiere, die sich dort befanden, in zwei vollen Ochsenkarren zur Papiermühle gefahren.

    Um 1900 bröckelt der Putz, 1902 kamen neben der Sakristei Bildteile zum Vorschein.  Dem Bemühen des Haigerer Kaufmanns Gustav Voigtmann ist es zu verdanken, dass die Fresken im Chorraum freigelegt wurden.

    1974 wurde bei Renovierungsarbeiten die Christophorus-Figur an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffs entdeckt und freigelegt.

    Die verheerenden Brände der jüngsten Zeit, nämlich die von 1623, 1723 und 1827 legten die Stadt teils ganz, teils zur Hälfte in Schutt und Asche, so dass – außer der Ev. Kirche – kein Bauwerk älter ist als 1723. Auch die Kirchenbücher reichen nicht weiter zurück.

    Der Kirchhügel
    Die 1837 auf dem Kirchhügel niedergelegte mittelalterliche Stadtmauer verlief quer durch das heutige Gemeindehaus bergabwärts zum Obertorhaus. Ihr Verlauf wurde durch Grabungsergebnisse gesichert, genauso wie ein frühkarolingischer Befestigungsgraben. Alle unmittelbar um das Kirchengebäude liegenden Flächen dienten über Jahrhunderte als Begräbnisstätten. Die westlich dem Kirchturm gegenüberliegende niedrige Bruchsteinmauer wurde erst nach 1840 gebaut. Von ihr aus bis zur Westerwaldstraße richtete man einen neuen Friedhof ein, der jedoch nur bis 1882 belegt wurde. 1929 ließ die Stadt den „Alten Friedhof“ durch Pflichtstunden ableistende Arbeitslose einebnen, um einen Park anzulegen. Im Laufe der Arbeiten ergab sich ein Grundstückstausch: Die Pfarrwiesen (heutiger Paradeplatz) gegen den städtischen Alten Friedhof. Erwähnenswert ist, dass während des Krieges ein vom Marktplatz beginnender und beim Obertor endender Luftschutzstollen gebaut wurde, der nach dem Krieg wieder verfüllt wurde. 

    Mehr Infos:
    950 Jahre Stadtkirche Haiger
    Martin Bräuer, Evang. Kirchengemeinde, Haiger [1998]

    Zeugnis christlichen Glaubens in 950 Jahren
    Geschichtlicher Arbeitskreis Haiger und sein Raum e. V., 1998 

    Bildersymbolik der Fresken
    Haigerer Geschichtsblätter Bd.54

    Das Bildwerk der Haigerer Stadtkirche
    Dr. h. c. Löber, Haigerer Hefte Band IV

  • 11. Kirchtreppen

    Bis zur Brandkatastrophe von 1723 war der Kirchhügel nur über die drei Kirchwege (heute Treppen) aus der Stadt zu erreichen.

    Links oben an der zur Hauptstraße führenden Treppe steht das 1723 abgebrannte und wieder aufgebaute Haus des damaligen Knabenpräceptors Leipold, dessen Frau in den Flammen umkam. (Präzeptor: Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit Bezeichnung für den Lehrer, besonders für den Hauslehrer. Quelle: Wikipedia)                                  

    Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 1986 von der Stadt an einen Privatmann verkauft, der es in Eigenleistung sanierte.

    Im Keller des Hauses befindet sich ein vom Geschichtlichen Arbeitskreis Haiger und sein Raum e.V. wieder instandgesetzter 13 m tiefer Brunnen, der vermutlich aus karolingischer Zeit stammt und wahrscheinlich erst zugeschüttet wurde, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Bau der städtischen Wasserleitung begonnen wurde.

    Im Haus gegenüber wohnte ein Bäcker. Sein Backofen befand sich hinter seinem Haus im Kirchberg.

  • 12. Wacht (heute Hauptstraße 96)

    Wacht um 1910 mit nebenstehendem Brunnen

    Die Wacht lag VOR der damals noch stehenden Stadtmauer und wurde 1810 im griechischen Tempelstil gebaut. Sie diente der Stadtwache als Wachlokal und Arrestzelle. Durchfahrende Fuhrleute hatten dort „Wege- und Chausseegeld“ zu zahlen. In dieser Zeit gehörte Haiger zum Herzogtum Berg („französische Zeit“) und stand faktisch unter der Herrschaft Napoleons. Nachdem Haiger wieder nassauisch geworden war, büßte die kleine Wacht ihre Funktion ein und stand schon 1817 zur Versteigerung. Nach 1827 wurde auch die Stadtmauer sukzessive niedergelegt.

    Neben der Wacht befand sich einer der öffentlichen Brunnen, der dem gegenüberliegenden Gasthaus seinen Namen gab. Nicht weit von der Wacht entfernt im Hickenweg befindet sich das Gelände des sogenannten „Wilhelmshofs“.

    Der Hickenweg (auch Hofhausweg genannt) war früher die Hauptstraße nach Langenaubach, in den Hickengrund und auf den Westerwald.

    Die Westerwaldstraße wurde erst 1823/24 angelegt.

    Abb. 3 und 4: Das Gasthaus "Am Brunnen" vor dem Tore

  • 13. Obertor und Obertor(Wehrturm) (Hauptstraße 92 + 94) 

    Zwischen dem Doppelhaus Hauptstraße 92 u. 94 (erbaut 1789) und dem Haus Hauptstraße 57 (erbaut 1824) stand bis 1808 das Obertorhaus. In ihm hatte der Hirte der Oberstadtherde seine Dienstwohnung. Er war auch Torschließer. Zwischen dem äußeren und inneren Tor des Torhauses stand ein Pumpbrunnen.

    Der zur Toranlage gehörende Flankenturm wurde 1789 auf Abbruch an den damaligen Amtsjäger Carl Bernhammer verkauft, der das Doppelhaus Hauptstraße 92 u. 94 baute. Die Turmfundamente befinden sich noch im Erdreich vor der rechten Doppelhaushälfte.

    Hier wohnte im Juli 1792 Herzog Carl August von Sachsen-Weimar im Quartier, der als preußischer Generalleutnant und Chef des preuß. Kürassier-Regiments Nr. 6 am Feldzug gegen die französischen Revolutionstruppen teilnahm (Kanonade von Valmy!).

    Auf der hohen Treppe vor dem Haus Bernhammer wird der Herzog das Ausmarsch-Defilee seines Regiments abgenommen haben.

    Bevor der Marktplatz 1827 in der Stadt angelegt wurde, wurden die Vieh-Märkte vor dem Obertor abgehalten. Hier wurde in früheren Zeiten viel Vieh verkauft. Das wäre in den engen Gassen nicht möglich gewesen. Dort wurden jedoch die Kram-Märkte abgehalten.

    Abb. 1: Zeichnung vom Obertor (um 1750)

  • 14. Hotel Reuter (Hauptstraße 82)

    Das ehemalige „Gasthaus zum Roten Ross“ ist das einzige Gebäude in Haiger mit einer Jugendstilfassade.
    Es wurde ursprünglich um 1780 errichtet und 1903 umgebaut, wobei es eine Jugendstil-Fassade erhielt.

    Abb. 2: "Haus zum Roten Roß" (Foto 1900) - Gastwirtschaft und Bäckerei von Rudolf Reuter. Vorn mit der Mütze Rudolf Reuter selbst, in der Türöffnung seine Frau Susanne.

  • 15. Geburtshaus Karl Löber 

    Dr. h.c. Karl Löber
    Lehrer, Volkskundler und Heimatforscher
    *20.09.1901 in der Obergasse in Haiger
    † 31.12.1982 in Haiger











    Ohne den „Bub aus der Obergasse“ hätte Haiger 1978 vermutlich kein Museum bekommen.

    Schon viele Jahre vorher hatte sich Karl Löber unermüdlich mit der Geschichte, dem Brauchtum und der Sprache der Gegend beschäftigt und geforscht. Er verfasste über 730 Schriften zur Volkskunde, Geschichte und Botanik seiner Heimat. Von 1915 bis 1920 besuchte er das Lehrseminar in Dillenburg, dann war er zwischenzeitlich als Kaufmann tätig. Als Lehrer arbeitete er ab 1927 in verschiedenen Gemeinden des Westerwaldes. 1936 wurde er Hauptlehrer in Allendorf, 1942 bis zur Pensionierung in 1965 Schulleiter und Rektor in Haiger und später in Langenaubach.

    Für sein großes Werk über das Volksleben des Dillkreises wurde er 1965 von der Philosophischen Fakultät der Philips-Universität Marburg mit der Ehrendoktorwürde (Dr. phil. H. c.) ausgezeichnet. Er war außerdem Ehrenmitglied der Hessischen Vereinigung für Volkskunde. 1981 verlieh ihm der Westerwald-Verein die „Eugen-Heyn-Medaille“ für seine Verdienste um die Landschaft des Westerwaldes. 1978 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Haiger ernannt. Zudem trägt der Platz vor dem Untertor seinen Namen.

    Welche Veröffentlichungen von ihm sind noch im Rathaus erhältlich?

    Haigerer Hefte mit unterschiedlichen Preisen sind im Rathaus erhältlich.


    Über Löber:
    Karl Löber, Lehrer und Forscher, Hubert-Georg Quarta, Martin Verlag

    100. Geb. Löber, Haigerer Geschichtsblätter Bd. 43 (erhältlich beim Geschichtlichen Arbeitskreis Haiger)

    Abb. 2: Löbers Geburtshaus, Heute Hauptstraße 68

  • 16. Obergasse

    Die meisten Häuser der oberen Hauptstraße wurden unmittelbar nach dem Totalbrand von 1723 auf den Grundmauern der zerstörten Gebäude wiederaufgebaut. Die drei Gebäude Hauptstraße 80 und 86 wurden nach Abbruch des nach 1723 errichteten Altbestandes in den 1880/90er Jahren erbaut. Die Gebäude Hauptstraße 47 und 62 entstanden anstelle ihrer durch Bombentreffer 1945 zerstörten Vorgänger. Es gab dort am 18. März 1945 elf Tote. Insgesamt starben in Haiger 63 Menschen bei 4 Bombenangriffen.

    Vor dem Bau der Autobahn und der Umgehungsstraße ratterte bis 1956 der gesamte Straßenverkehr aus Richtung Dillenburg in Richtung Siegen, bzw. Westerwald und umgekehrt über das Kopfsteinpflaster der engen oberen Hauptstraße. Ansässig waren hier 25 Gewerbetreibende: 3 Bäckereien und Gastwirtschaften, 3 Metzgereien, 3 Schuhmacher, 2 Sattlereien, ein Spengler, ein Uhrmacher, ein Hut- und Kappenmacher, eine Putzmacherin sowie Lebensmittel- und Textilhändler. In der Obergasse schlug das Herz der Stadt Haiger. Hier trafen sich an Markttagen Einwohner aller umliegenden Dörfer. 

    Viele Haigerer erinnern sich noch an den schweren Unfall, als im Mai 1953 ein LKW in die Gebäude Hauptstraße 58 und 60 hineinfuhr. Seine Bremsen hatten versagt und beide Insassen überlebten den Unfall nicht.

    Abb. 3: Heute Hauptstraße 58 + 60, Unfall 1953

  • 17. Altes Amtshaus (Haus Gudelius) (Hauptstraße 52)

    Das Gebäude ist das erste, das nach dem großen Stadtbrand von 1723 errichtet wurde. Erbauer war Johann Conrad Hecker, wie in der Chronik des Sechsheldener J.P. Haas zu lesen ist. 

    Im Jahr 1765 wurde in Haiger erstmals ein Amthaus gesucht. Bis dahin führte der Amtmann seine Geschäfte von Zuhause aus. Als Peter Manger, der Schwiegersohn des Erbauers und neuer Eigentümer, starb, wurde das Gebäude Amthaus des Oranien-Nassauischen Amtes Haiger. Vermutlich stammt die im Fachwerk gut sichtbare Erweiterung aus dieser Zeit.

    1807 erhielt der Rotgerber Johann Henrich Schramm das Haus. Inzwischen hatten sich die politischen Verhältnisse geändert, das Amt Haiger wurde aufgelöst und das Amthaus als solches überflüssig.

    1897 erwirbt der Metzgermeister und Gastwirt Wilhelm Theodor Gudelius das Haus. Er bebaut um 1900 den zum Haus gehörenden Garten mit einer eingeschossigen Gastwirtschaft.

    1988 wird das Gebäude umgebaut und erhält sein heutiges Aussehen.

    Abb. 5: Erweiterung aus der Zeit um 1765

  • 18. Steigplatz

    Der Steigplatz ist benannt nach dem an seiner Nordseite ehemals stehenden Steighaus, in dessen Turm die Feuerleitern waren, und wo die Feuerwehrleute das Leitersteigen übten. Zuvor befand sich an dieser Stelle das Leiterhaus für die städtischen Feuerleitern, die vor Errichtung dieses Leiterhauses an der Mauer neben der Mädchenschule ihren Platz hatten. Dort waren sie durch einen der Brände vernichtet worden. Der Steigplatz verdankt sein Entstehen einem Brand, der 1837 dort ausgebrochen war und im wahrsten Sinne des Wortes Platz für den Platz geschaffen hat.

    Die Jahreszahl 1681 am „Schwarzen Adler“ ist irritierend, da beim Totalbrand von 1723 alle Gebäude abbrannten. Es ist daher wahrscheinlich, dass dieses Gebäude zwar aus dieser Zeit stammt, aber nach dem Brand auf Abbruch verkauft und hier aufgebaut worden ist. Das ist bei Fachwerkhäusern möglich und früher oft gemacht worden.

    Hinterm Graben (frühere B277)
    Dort, wo die Kreuzgasse auf die Straße „Hinterm Graben“ stößt, war das sogenannte Graben- oder Wiesentor, ein Notausgang, der nach der Katastrophe von 1723 in den Stadtmauerring gebrochen worden war. Die Straße verläuft auf dem ehemaligen Stadtgraben. 

    Abb. 3: Namensgebend für den Steigplatz war das Steighaus, in dessen Turm die Feuerleitern untergebracht waren und die Feuerwehrmänner das Leitersteigen übten. Das Gebäude wurde um 1956 vor dem Bau der Umgehungsstraße „Hinterm Graben“ abgerissen.
    Abb. 3 und 4 sowie Abb. 5 und 6: Jeweils Vergleich "Früher-Heute".

  • 19. Rest Stadtmauer

    Die 5 m hohe und 1,40 m breite Stadtmauer zog sich um die gesamte damalige Stadt. Die letzten Reste wurden nach dem Brand von 1827 bis auf dieses kleine Stück, das als Rückwand einer Werkstatt diente, abgerissen.

    Abb. 2 bis 4: Stadtmauerrest um 1973

  • 20. Karl-Löber-Platz

    An dieser Stelle befand sich der Mühlenweiher („Weisse Weiher“), der die gegenüber liegende „Lohmühle“ (Ph. C. Weiss) mit Wasser versorgte. Die Mühle beherbergte eine Leimsiederei und musste 1956 dem Bau der Bundesstraße weichen. 
    Ab 1827 stand auf dem oberen Teil des Platzes die Schule der Stadt Haiger. 

    Unmittelbar vor dem Karl-Löber-Platz bog die nördliche Stadtmauer nach Südwesten ab. Vor dieser Biegung, auf der sich ein Eckturm befand, erstreckte sich „die grüne See“, bestehend aus dem Mühlen- und dem Froschweiher. Sie waren Verbreiterungen des Stadtgrabens. Durch sie wurden eine Getreide- (Untere Mühle) und eine Sägemühle angetrieben, und ihr Fischbestand lieferte die Fastenspeise für die Haigerer Pfarrer. Beide Mühlen brannten 1723 infolge Funkenfluges ab, die Sägemühle wurde danach nicht wieder aufgebaut. Die Untere Mühle wurde Mitte des 19. Jh. in eine Lohmühle umgewandelt, die dem Ausbau der B 277 in den Jahren 1955/56 zum Opfer fiel.

    Zu Beginn des 19. Jh. wurden die beiden Weiher verfüllt, zuvor war der Mühlenweiher von einem Privatmann erworben worden. Die Hälfte dieser Fläche verkaufte er der Stadt Haiger als Bauplatz für eine neu zu errichtende Schule, die im Januar 1827 eingeweiht und 1974 zum Bau eines Parkplatzes abgerissen wurde. Die Getreidemühle, später Lohmühle, hatte vor Verfüllung der Weiher einen separaten Wasserzufluss aus dem Aubach erhalten. Info: Der letzte Rest vom Weiher wurde erst vor einigen Jahren verfüllt und ein Parkplatz drauf gesetzt.

    Heute nimmt der „Karl-Löber-Platz“ die ehemalige Fläche des Mühlenweihers ein.

    Abb. 1: Das Gebäude wurde 1974 abgerissen
    Abb. 2: Platz der alten Schule heute (Karl-Löber-Platz heute).
    Abb. 3: Ausschnitt aus einer Postkarte vor 1956 - In der Bildmitte ist der von Bäumen gesäumte „Weiß`sche Weiher“ zu sehen. Links davon befindet sich noch das Schulgebäude, rechts auf der anderen Straßenseite ist die Untere Mühle am Aubachufer zu erkennen. Die Umgehungsstraße (Hinterm Graben/Löhrstraße) ist noch nicht gebaut und über den Aubach führt nur eine Fußgängerbrücke.
    Abb. 4: Hinterm Graben - links Weiß'scher Weiher und Garten, rechts Büro- und Wohngebäude Firma Ph. C. Weiß, vor 1956

  • 21. Untertor

    Der Großteil der Haigerer bestand aus "Ackerbürgern". Zu Beginn des 19. Jh. zählte man bei rund 1000 Einwohnern einen Bestand von 364 Rindvieh, 256 Schafe und 40 Pferden, dazu kommen Schweine und Geflügel. Um die eigene Ernährung und die des Viehs zu sichern, musste das gesamte Talbecken, die Berghänge und Seitentäler landwirtschaftlich genutzt werden. 

    Hier vor dem Untertor stand das städtische Backhaus. Es wurde alljährlich an einen des Brotbackens Kundigen meistbietend verpachtet. Von ihm ließen sich die Haigerer ihr eigenes „Hausbrot“ backen, ein Brot aus selbstgezogenem, von einem hiesigen Müller für die eigene Familie gemahlenem Getreide.

    Abb. 5: Zwischen den Häusern der heutigen Hauptstraße 24 und der Hauptstraße 25 stand bis 1824 das Untertorhaus. Sein Flankenturm war der größte seiner Art im Stadtmauerring. Im Turmhaus wohnte der Kuhhirte der Unterstadtherde. Er war auch Torschließer, wie sein Amtsbruder im „Obertorhaus“. 

  • 22. Packhaus (Hauptstraße 25)

    Der Kaufmann Ludwig Völkel errichtete 1822 das sogenannte Packhaus als Warenlager. An dieser Stelle hatte vorher das Torhaus vom Untertor gestanden. 1836 wurde die Hausfront zurückgebaut, um die Hauptstraße zu verbreitern. Vorher hatte es mit dem Museum am Marktplatz in einer Fluchtlinie gestanden. Die Hauptstraße zwischen Marktplatz und Packhaus war also vor dem Brand von 1827 um die Bürgersteigbreite schmaler als heute.

    Seine Unternehmungen brachten Ludwig Völkel kein Glück. Er hatte vergeblich versucht, eine Pulvermühle und ein Eisenwalzwerk zu errichten. Sein Wohnhaus am Marktplatz 1 und das Packhaus wurden 1841 versteigert. 

    Abb. 4: In dem Gebäude befand sich vor 1939 das Rheinische Kaufhaus der jüdischen Familie Strauß (die dann emigrierte).

  • 23. Mittlere Mühle (Schmidts Mühle)

    Über die eigentlichen Gebäude ist wenig bekannt. Die Familien- und Besitzverhältnisse sind besser erforscht.

    In 1451 erwähnt, hat die Mühle eine wechselhafte Besitzerreihe.

    1811 wird sie als Mühle mit einem Gang beschrieben.

    Mitte des 19. Jh. kommt sie in den Besitz der Familie Schmidt. Später ließ Hermann Schmidt die Mühle modernisieren. Nun wurden zwei Mahlgänge von dem Mühlrad angetrieben, welches dann durch eine Turbine ersetzt wurde. Diese konnte auch noch eine Kreissäge antreiben.

    1956 wurde der Betrieb eingestellt.

  • 24. Haus Schramm am Markt (Marktplatz 1)

    Dieses Gebäude war das erste massiv aus Steinen gemauerte Haus am Marktplatz. Es wurde von dem Kaufmann Ludwig Völkel um 1828 erbaut und 1841 versteigert. Später war das Haus im Besitz der Familie Schramm, die in der Lederverarbeitung tätig war.  

    Der 1784 in Erndtebrück geborene Kaufmann Ludwig Völkel besaß vor dem Brand von 1827 ein Haus gegenüber dem heutigen Heimatmuseum. Es wurde beim Brand beschädigt und abgerissen, um dort den Marktplatz entstehen zu lassen. Daraufhin baute Ludwig Völkel das erste massiv steinerne Gebäude am Marktplatz 1.

    1841 wurde das Haus am Marktplatz 1 und das Packhaus versteigert.

    Neuer Eigentümer wurde die Familie Schramm, die eine große Gerberei besaß.